Persönlichkeiten, die den Weg der islamischen Präsenz in Europa geprägt haben Omar Al-Rawi … Ein Lebensweg im Zeichen von Teilhabe, Dialog und gesellschaftlicher Verantwortung
أ. عمر الراوي
Persönlichkeiten, die den Weg der islamischen Präsenz in Europa geprägt haben
Omar Al-Rawi
.Ein Lebensweg im Zeichen von Teilhabe, Dialog und gesellschaftlicher Verantwortung
Von: OMR Dr. Tammam Kelani
Wenn die Seiten der Geschichte geschrieben werden, bleiben Namen nicht wegen der Ämter, die ihre Träger innehatten, in Erinnerung, sondern wegen der Spuren, die sie hinterlassen haben. Wahre Bedeutung entsteht nicht durch die Anzahl der Jahre, die jemand in einer bestimmten Position verbracht hat, sondern durch die nachhaltige Wirkung, die nach dem Ende einer Funktion bestehen bleibt.
Es gibt Menschen, die ihre Zeit als Einzelpersonen durchlaufen, und es gibt Persönlichkeiten, deren Wirken zu einem prägenden Bestandteil der Entwicklung einer ganzen Gesellschaft wird. Denn sie haben erkannt, dass die nachhaltigste Form der Zukunftsgestaltung im Aufbau von Menschen, Institutionen und gegenseitigem Vertrauen liegt.
Wenn heute über die islamische Präsenz im modernen Europa gesprochen wird, geht es nicht nur um Migration als geografische Bewegung. Es geht vielmehr um eine menschliche und gesellschaftliche Entwicklung, die von Frauen und Männern mitgestaltet wurde, die ihre Werte mitbrachten, sich ihren neuen Gesellschaften öffneten und zu einer ausgewogenen Verbindung zwischen kultureller Identität und bürgerschaftlicher Zugehörigkeit beitrugen.
Zu den Persönlichkeiten, die diesen Weg in besonderer Weise geprägt haben, gehört Omar Al-Rawi. Er zählt zu jenen Menschen, die sich bewusst für den Weg der aktiven Beteiligung und des gesellschaftlichen Aufbaus entschieden haben und die öffentliche Arbeit als Brücke zwischen dem Einzelnen und seiner Gesellschaft sowie zwischen Musliminnen und Muslimen und ihrem europäischen Umfeld verstanden.
Omar Al-Rawi wurde in Bagdad geboren, jener Stadt, die seit Jahrhunderten für ihre kulturelle und zivilisatorische Bedeutung steht. Ende der 1970er-Jahre kam er nach Österreich, um sein Studium des Bauingenieurwesens fortzusetzen. Dort begann ein neuer Abschnitt seines Lebens – nicht nur als Aufenthalt in einem neuen Land, sondern als bewusste Entscheidung, Teil dieser Gesellschaft zu werden und aktiv an ihrer demokratischen und sozialen Entwicklung mitzuwirken.
Schon früh war er davon überzeugt, dass ein Mensch erst dann wirklich Teil seines Landes wird, wenn er an dessen Gestaltung mitwirkt. Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit bedeuten für ihn nicht lediglich einen rechtlichen Status, sondern eine ethische Verantwortung und tägliches gesellschaftliches Engagement.
Aus dieser Überzeugung heraus entwickelte er sich vom Beobachter zum aktiven Gestalter und vom individuellen Engagement hin zur institutionellen Arbeit.
Omar Al-Rawi engagierte sich in der österreichischen Politik, wurde Mitglied der Bezirksvertretung in Wien und anschließend Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat. Bis heute wirkt er dort an gesellschaftspolitischen Debatten mit und setzt sich für soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und ein friedliches Zusammenleben ein.
Dabei vertritt er die Überzeugung, dass Vielfalt – wenn sie verantwortungsvoll gestaltet wird – keine Quelle der Spaltung, sondern eine besondere Stärke einer demokratischen Gesellschaft darstellt.
Im Laufe seiner politischen und kommunalen Tätigkeit übernahm Omar Al-Rawi auch den Vorsitz des Ausschusses für Stadtentwicklung im Wiener Landtag und Gemeinderat. Diese verantwortungsvolle Aufgabe zählt zu den bedeutenden Bereichen der kommunalen Gestaltung und umfasst zentrale Fragen der Stadtplanung, der nachhaltigen Entwicklung sowie der Lebensqualität in Wien.
Diese Funktion verdeutlicht nicht nur das Vertrauen, das ihm innerhalb der politischen Institutionen entgegengebracht wurde, sondern auch seinen Beitrag zur Entwicklung einer modernen, offenen und lebenswerten Stadt, in der alle Bewohnerinnen und Bewohner unabhängig von ihrer Herkunft oder kulturellen Prägung ihren Platz finden.
Die Bedeutung seiner Arbeit lässt sich jedoch nicht allein an politischen Ämtern messen. Ämter können enden, doch Initiativen, die dem Menschen und der Gesellschaft dienen, bleiben bestehen.
Aus diesem Geist heraus war Omar Al-Rawi im Jahr 1999 an der Gründung der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen (IMÖ) beteiligt. Diese Initiative wurde zu einer wichtigen Plattform für Dialog, Begegnung und Verständigung zwischen Musliminnen und Muslimen sowie den Institutionen und der Gesellschaft Österreichs.
Sie setzte sich dafür ein, das Verständnis des muslimischen Bürgers zu stärken – eines Menschen, der seine religiöse und kulturelle Identität bewahrt und zugleich aktiv Verantwortung für sein Land und seine Gesellschaft übernimmt.
Die Initiative stellte einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der zivilgesellschaftlichen islamischen Präsenz in Österreich dar. Sie trug dazu bei, die Diskussion über Islam und Muslime aus dem Bereich von Vorurteilen und einseitigen Bildern herauszuführen und sie in den Raum des direkten Austauschs, der gemeinsamen Arbeit und des verantwortungsvollen Dialogs über Integration, Bürgerschaft und gesellschaftliche Vielfalt zu führen.
Zu den bedeutenden Projekten, mit denen der Name Omar Al-Rawi verbunden ist, gehören auch die Bemühungen um die Errichtung des Islamischen Friedhofs in Wien. Dieses Projekt hatte nicht nur eine religiöse, sondern ebenso eine gesellschaftliche und kulturelle Dimension.
Es war ein Ausdruck der Anerkennung, dass Musliminnen und Muslime ein Teil des sozialen Gefüges dieser Stadt sind und dass die Achtung religiöser und kultureller Vielfalt zu den grundlegenden Werten einer demokratischen Gesellschaft gehört.
Ebenso ist Omar Al-Rawi mit der Entwicklung der Tradition des Ramadan-Iftar-Empfangs der Stadt Wien verbunden. Diese jährliche Begegnung, bei der der Bürgermeister der Stadt Wien gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der islamischen Gemeinschaften zusammenkommt, wurde zu einem wichtigen Symbol für den Dialog zwischen staatlichen Institutionen und Bürgerinnen und Bürgern unterschiedlicher Herkunft.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich dieses Treffen zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Dialogs in Wien. Auch österreichische Bundeskanzler nahmen in verschiedenen Phasen daran teil, was die besondere Bedeutung dieser Initiative für das gegenseitige Verständnis und den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterstreicht.
Ein weiterer kultureller Beitrag, mit dem Omar Al-Rawi verbunden ist, war sein Engagement für die Benennung eines öffentlichen Platzes in Wien nach dem bedeutenden österreichischen Denker und Muslim Muhammad Asad.
Der Muhammad-Asad-Platz in unmittelbarer Nähe der UNO-City Wien wurde am 14. April 2008 offiziell durch die Stadt Wien eröffnet. Die Benennung erfolgte als Würdigung der außergewöhnlichen geistigen und kulturellen Leistungen Muhammad Asads sowie seines Beitrags zum Dialog zwischen der islamischen Welt und dem Westen.
Dieser Schritt stellte ein bedeutendes Zeichen dar: Wien würdigte damit eine Persönlichkeit, die Brücken zwischen Kulturen und Religionen gebaut hatte und deren Werk weit über nationale Grenzen hinaus Wirkung zeigte.
Die Erfahrung von Omar Al-Rawi steht beispielhaft für ein europäisches Verständnis islamischer Präsenz, das auf einem grundlegenden Gedanken beruht: Die Bewahrung der eigenen Identität bedeutet nicht Abschottung, und gesellschaftliche Integration bedeutet nicht den Verlust kultureller oder religiöser Werte.
Vielmehr zeigt sein Lebensweg, dass ein Mensch seinen Überzeugungen treu bleiben und gleichzeitig ein aktiver, verantwortungsvoller Bürger eines modernen demokratischen Staates sein kann.
einer demokratischen Gesellschaft können öffentliche Persönlichkeiten unterschiedlich bewertet werden – dies gehört zum Wesen des offenen gesellschaftlichen Diskurses. Die historische Betrachtung einer Persönlichkeit sollte jedoch vor allem den Umfang ihres Wirkens, ihre Beiträge und die nachhaltigen Spuren berücksichtigen, die sie in der Entwicklung einer Gesellschaft hinterlassen hat.
Aus dieser Perspektive verdient die Erfahrung von Omar Al-Rawi als ein bedeutender Teil der Geschichte der institutionellen islamischen Präsenz in Europa wahrgenommen zu werden. Sein Weg steht für eine Generation von Menschen, die verstanden haben, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht durch Abgrenzung entsteht, sondern durch verantwortungsvolle Beteiligung, Dialogbereitschaft und den Aufbau gemeinsamer Werte.
Die Menschen, die wirkliche Geschichte schreiben, sind nicht immer jene, die im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen oder die lautesten Stimmen besitzen. Es sind oft jene, die Institutionen aufbauen, Vertrauen schaffen und Wege für kommende Generationen eröffnen.
In diesem Sinne stellt Omar Al-Rawi eine besondere Seite der zeitgenössischen islamischen Präsenz in Europa dar – eine Seite, die von Beteiligung geprägt, durch Dialog gestärkt und durch den Dienst am Menschen bereichert wurde.
Denn Zivilisationen entstehen nicht durch Mauern, sondern durch Brücken. Gesellschaften entwickeln sich nicht durch Ausgrenzung, sondern dadurch, dass jeder Mensch die Möglichkeit erhält, Teil ihrer Gegenwart zu sein und an ihrer Zukunft mitzuwirken.
Die Bedeutung dieser Lebensgeschichte liegt daher nicht nur in der Biografie einer einzelnen Person, sondern auch darin, dass sie ein Zeugnis für eine ganze Epoche der muslimischen Präsenz in Europa darstellt – eine Epoche, die gezeigt hat, dass positive Beteiligung, gesellschaftliches Engagement und gegenseitiger Respekt der stärkste Weg zu Anerkennung, Partnerschaft und gemeinsamem Fortschritt sind.
OMR Dr. Tammam Kelani
Wien / Österrech
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